Another Earth (Oder: Ich seh schon wieder doppelt!)

Jahr: 2014
Regie: Mike Cahill
Laufzeit: 93 Minuten
Budget: ca. 100.000 $

Der Inhalt kurz und knapp:

Dass Planeten und deren Konstellationen auf die Menschheit Auswirkungen haben, ist für Leute mit einem Faible für Astrologie faktisch bewiesen. Doch für die Schülerin Rhoda Williams (Brit Marling) stellt sich diese Auswirkung als geradezu schicksalhaft heraus. Als plötzlich und unerklärlich ein wahrscheinlich bewohnbarer Planet neben dem Polarstern am Himmel steht, ist die ganze Welt aus dem Häuschen. Dazu gehört auch Rhoda, die sich angetrunken hinter das Steuer ihres Autos setzt und vom neuen Planeten am Nachthimmel abgelenkt, ein anderes Fahrzeug rammt. Bei dem Unfall stirbt eine schwangere Frau und ein kleines Kind, lediglich der Familienvater John Burroughs (William Mapother) überlebt. Vier Jahre später wird Rhoda aus dem Gefängnis entlassen, hart gezeichnet vom Aufenthalt, aber auch von ihren Schuldgefühlen. In der Zwischenzeit ist der neue Planet so nah an die Erde herangerückt, dass man diesen von der Erde aus in voller Pracht bewundern kann. Und siehe da. Es ist die Erde! Noch eine? Ein Spiegelbild? Eine Kopie? Das private Unternehmen United Space Ventures möchte eine Reise zur „Erde 2“ unternehmen und bietet einen Sitz demjenigen, der in 500 Wörtern am besten erläutern kann, warum er mitmöchte. Da Rhoda in ihrer Zukunft eh bedingt Sinn erkennt, beschließt sie an der Aktion teilzunehmen. Parallel dazu sucht sie John Burroughs auf, um ihre Tat zu entschuldigen. Doch gerät das Ganze in eine unerwartete Richtung, die sie nicht beabsichtigt hatte.

Die Meinung:

Mainstream-Kino? Fehlanzeige. Millionenschlachten? Heute nicht. Zur Abwechslung flimmerte vor kurzem „Another Earth“ über die heimische Mattschreibe. Lediglich 100.000 Dollar benötigte Regisseur Mike Cahill, um einen vollwertigen 90-Minüter auf die Beine zu stellen. Als wäre das nicht schon bemerkenswert genug, firmiert „Another Earth“ in den bekannten Filmdatendanken unter dem Genre Science-Fiction. Wie geht das alles zusammen?

Um eins direkt vorwegzunehmen, bevor ein Fan des Genres aufgeschreckt bei der nächstbesten Möglichkeit eine Kopie erwerben möchte: „Another Earth“ hat zwar mit der zweiten Erde ein Science-Fiction-Element im Programm, das jedoch äußerst begrenzt und moderat in die Handlung integriert ist. Man könnte es beinahe als Etikettenschwindel sehen, da ein solches Branding eine spezifische Käuferschicht anspricht, die unter der Prämisse sicherlich enttäuscht aus der Wäsche schaut, hat man sich doch auf mehr gefreut.

Doch lässt man diesen Aspekt außer vor, ist das Drehbuch von Cahill und Brit Marling (die auch die Hauptrolle übernahm) herrlich geschrieben. Inhaltlich beschäftigt sich der Film vor allem um die Frage der Schuld der Hauptfigur Rhoda, die sie seit dem Tag des Unfalls mit ihr herumträgt. Dabei untersucht der Film geradezu an dieser Fallstudie, wie Buße auf der einen und der egoistische Wunsch nach Vergebung auf der anderen Seite, zu einer moralischen Zerreißprobe werden kann. In diesem Kontext passt auch die Wahl der Darstellung der Rhoda perfekt zu Brit Marling, die sicherlich ihre eigenen Vorstellungen durch die Drehbucharbeit mit einbringen konnte.

Dabei kommt dem Film auch seine Kürze von nur 92 Minuten entgegen, da ich zum Ende zähe Längen am Horizont aufblitzen sah. Das macht sich vor allem in der sehr untersetzen und kühlen Darstellung der Handlung bemerkbar, die konsequent ein Gefühl der Bedrückung auslöst. Das tut dem Film auch nicht schlecht, mehr als besagte anderthalb Stunden wären jedoch auch zunehmend anstrengend geworden.

So bleibt unterm Strich ein durchaus sehenswerter Film, der sich am selbst gesteckten Thema „Schuld“, dank einer tollen Hauptdarstellerin, sehr emotional und ergreifend abarbeitet. Hierbei ist „Another Earth“ einer der Filme, für die man in der richtigen Stimmung sein muss. Denn leicht herunter spielt sich hier nichts. Ein wenig ärgert mich jedoch die nach außen gestellte Handlungselement der zweiten Erde, der jedoch wenig bis gar nichts zur eigentlichen Entwicklung beiträgt. Heißt das, man hätte eher darauf verzichten sollen? Nein. Die Idee ist nämlich toll. Nur reichte hier das Budget einfach nicht aus, um dieser Rechnung zu tragen. Aber ob man das einem Independent-Film vorwerfen will?

Das Fazit (für Lesefaule):

„Another Earth“ ist eine durch und durch solide Leistung was das filmische Handwerk betrifft, sprich Kamera, Ton und Inszenierung, als auch die schauspielerische Leistung. Warum das so erwähnenswert ist? Das sich ein 90-minütiger Film heute noch zu seinem Preis von gerade einmal 100.000 Dollar realisieren lässt ist erstaunlich. Sicherlich musste dafür das Ökonomische hintenanstehen und im Gegenzug viel Herzblut mit eingebracht werden, was die Leistung der Beteiligten noch steigert. Chapeau! Was ich jedoch als moderaten Etikettenschwindel betrachte, ist die in die Handlung eingeflochtene Science-Fiction Handlungskomponente. Tatsächlich bespricht der Film vor allem die Themen Schuld, Buße und nicht zuletzt den Wunsch nach Vergebung. Diese ist dann auch reichlich losgekoppelt von der zweiten Erde und hätte auch komplett ohne diesen Aufhänger funktioniert. Doch davon abgesehen, und die meiner Meinung nach teils zu kühle Erzählweise ignorierend, ist „Another Earth“ ein toll gespieltes und ergreifendes Drama, welches vielleicht nicht mein Lieblingsfilm dieses Genres wird, dennoch aber absolut sehenswert ist.

Wertung:

7-5

Trailer:

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